Zwischen Klang, Raum und Archiv
Die diesjährige Künstlerin und Fellow des ZADIKs ist Lis Schröder. Sie arbeitet an der Schnittstelle von Medienkunst, Text und Musik. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Münster und Köln und wurde kürzlich mit dem Carte Blanche Fellowship am ZADIK ausgezeichnet. Im Rahmen dieses Fellowships erforscht sie die Verbindungen von bildender Kunst und Musik im Galeriekontext – ein Thema, das ihre medienübergreifende Praxis widerspiegelt.
Termine:
23.04.2026 | 19:00 Uhr | Vernissage der Ausstellung
Medienübergreifende Praxis mit thematischem Fokus
Lis Schröders künstlerischer Ansatz ist interdisziplinär und stark gegenstandsbezogen. „Die Form ergibt sich aus den Themen, die ich wähle und diese sind häufig popkultureller oder historischer Natur“, erklärt sie. Häufig verbindet sie popkulturelle und historische Referenzen, wobei Musik und Audio in den letzten Jahren einen besonderen Schwerpunkt bilden. Entwürfe entstehen oft zuerst als Texte oder Sound, bevor sie visuell umgesetzt werden – sei es in Videoarbeiten, Performances oder Installationen. Dabei spielen emotionale Aspekte von Sprache und Klang eine zentrale Rolle. Lis Schröder beschreibt dies so: „Für mich spielt auch der ‚Wallungswert‘ eines Wortes eine Rolle, ein Begriff von Gottfried Benn: die emotionale Ladung eines Wortes, einer Schriftart oder Farbkombination.“
Historie trifft Popkultur
Ein zentrales Spannungsfeld in Lis Schröders Arbeit liegt zwischen Historie und Popkultur. Sie betont: „Es geht um Intuition, wie man die Dinge verbinden kann, die vielleicht erstmal etwas disparat sind. Mal ist es einfacher, mal ist es schwieriger.“ In ihrem Projekt zur Wartburg in Eisenach (2022) beschäftigte sie sich mit dem geschichtsträchtigen Ort und verknüpfte die Historie der Burg mit popkulturellen und feministischen Elementen – ein Beispiel für die Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart.
Entscheidend ist für Lis Schröders Arbeit die Frage, wie wir als Gesellschaft mit unserer Geschichte in der Gegenwart umgehen: „Erinnerung ist sehr wichtig. Wir haben in Deutschland eine ausgeprägte Erinnerungskultur, die aber oft eher performativ oder symbolisch wirkt und auch zunehmend angegriffen wird. Gleichzeitig sehe ich eine Tendenz zum ahistorischen Denken.“ Hierfür nennt Schröder ein Beispiel aus der Musik: Streamingdienste wie Spotify würden dazu führen, dass Entstehungshintergründe verschwimmen, weil wir die musikalischen Inhalte ohne den passenden historischen Kontext konsumieren. Sie betont: „Wer damit aufwächst, hat manchmal kein Gefühl mehr für historische Zusammenhänge. Das klingt erstmal nach maximaler Offenheit, aber wir müssen weiterhin Kontexte betrachten, tief recherchieren und konsequent analysieren, um Bezüge zur Gegenwart herzustellen und daraus Konsequenzen für die Zukunft zu ziehen.“
Kunst im Spannungsfeld von Emotion, Erinnerung und Gegenwart
Ein zentrales Interesse Lis Schröders gilt den Affektökonomien der Gegenwart in Medien und Politik: „Wir leben seit Jahren in einer stark emotionalisierten Medienlandschaft, geprägt durch soziale Medien. Polarisierung, Fan-Kulturen, Hass und Idealisierungen sind allgegenwärtig. Mich interessieren diese emotionalen Dynamiken, weil sie Ausdruck gesellschaftlicher und politischer Zustände sind.“
In Bezug auf Erinnerung und historische Kontexte sagt sie: „Archive bewahren überprüfbare Zeugnisse. In einer Zeit, in der künstliche Intelligenz und digitale Medien Fakten manipulieren können, bekommen physische Archive neue Bedeutung als Orte der Verlässlichkeit.“
Das ZADIK-Fellowship und Archivarbeit
Für ihr Fellowship beginnt Schröder mit der Galerie Inge Baecker als Ausgangspunkt ihrer Arbeit: „Eine Galerie, die seit den 1970er-Jahren bestand, in Bochum begonnen hat, dann nach Köln zog und später nach Bad Münstereifel. Dazu gibt es einen sehr reichen Bestand.“: Im Fokus steht für Schröder das Zusammenspiel unterschiedlicher kultureller Sphären: „Mich interessiert, wie sich die Galerie zwischen Avantgarde und Pop bewegt hat und wie Künstler:innen als Vermittler:innen fungierten. Yoko Ono, die in einer Ausstellung der Galerie vertreten war, ist für mich ein prägnantes Beispiel dafür, wie sich Pop und Avantgarde verbinden lassen.“
Ihr kreativer Ansatz für die Arbeit mit Archivalien ist experimentell und audiovisuell: „Schon beim Schreiben der Bewerbung hatte ich Bilder im Kopf, die erstmal in die Richtung gingen von einer audiovisuellen Installation. Ich stelle mir Hörstationen, Videoarbeiten in Form von Projektionen oder Monitoren vor.“ Da die meisten Archivalien textlich oder fotografisch sind, wird es häufig um einen Medientransfer gehen: „Es gibt die Möglichkeit, Dinge abzufilmen, vielleicht auch kollagenartig mit Materialien zu arbeiten. Texte können eingesprochen werden.“ Gleichzeitig kann sie sich vorstellen, ausgewählte Archivalien in ihrer ursprünglichen Form zu zeigen und durch einen künstlerischen Kontext zu rahmen. Ein besonderer Ansatz wäre ein Teppich als Bildträger: „Teppiche schaffen Atmosphäre, wirken schallschluckend und laden zum Verweilen ein. Gleichzeitig wären sie Bildträger, die Archivalien in ein völlig anderes Format bringen.“
Verantwortung und Freiheit in der künstlerischen Forschung
Schröder betont die Balance zwischen Belegbarkeit und künstlerischer Freiheit: „Ich lege meine Quellen offen und arbeite transparent, nehme mir aber die Freiheit der künstlerischen Interpretation und Auseinandersetzung. Besucher:innen sollen sich der Arbeit zunächst frei nähern können. Quellen können, müssen aber nicht konsultiert werden.“
Abschließend gibt sie angehenden Künstler:innen einen Rat: „Sieh die Arbeit, die du machst, mit Hingabe an einen bestimmten Gegenstand. Bleib bei dem, was dich wirklich interessiert, nimm vielleicht auch mal dein Ego zurück und Rücksicht darauf, was diese Sache braucht.“
Das ZADIK freut sich über die Zusammenarbeit mit Lis Schröder im Rahmen des Carte Blanche Fellowship und wir sind bereits sehr gespannt darauf, wohin die künstlerische Reise Lis Schröder in unserem Archiv mit kunstmarktbezogenen Beständen führen wird. Die Eröffnung der Ausstellung ist für Mitte April 2026 geplant, weitere Informationen folgen zeitnah auf unserer Website, Social Media und in unserem Newsletter.
