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In memoriam Walter Vitt | 1936–2021

Am 27. November 2021 ist Walter Vitt im Alter von 85 Jahren verstorben.

Walter Vitt wurde am 2. Oktober 1936 im thüringischen Gera geboren. Seine literarische Laufbahn begann in Münster, wo er nach dem Abitur (1957) Germanistik, Publizistik, Geschichte und Philosophie studierte und bereits 1958 zum Chefredakteur der Studierendenzeitung Semesterspiegel (SSP) avancierte. An der 1954 gegründeten und damit ältesten kontinuierlich erschienenen deutschen Studierendenzeitung sammelten unter anderem auch Wolf Lepenies, Klaus Hurrelmann und Rupert Neudeck erste publizistische Erfahrungen. Gemeinsam mit seinen Kommilitonen Eckehard Munck und Hendrik W. Höfig entwickelte Vitt die „Hirschlyrik“, ein literarisches Mirabile in Form einer „lyrischen Groteske“[1], orientiert an den Versen der Gebrüder Grimm und zugleich ganz auf das Wappentier der deutschen Wohnzimmerdekoration der 1950er Jahre fokussiert. Eine erste Anthologie erschien 1961 als Privatdruck, illustriert von Robert Eid.

Im selben Jahr begann Vitt seine Tätigkeit beim Westdeutschen Rundfunk (WDR), der über 37 Jahre hinweg sein wichtigster Arbeitgeber bleiben sollte. Zunächst als Regionalreporter im WDR-Studio Münster tätig, wechselte er 1963 als politischer Redakteur nach Köln.

Bereits in den 1960er Jahren wandte sich Vitt verstärkt der zeitgenössischen Kunst zu. Er setzte sich intensiv mit ihr und ihrem Umfeld auseinander und veröffentlichte zahlreiche Berichte und Kritiken, unter anderem für die Aachener Nachrichten. Klaus Honnef, damals Leiter des Feuilletons, würdigte später insbesondere Vitts präzise und anschauliche Sprache, die das Wesentliche stets klar erfasste und sich durch große Empathie gegenüber ihrem Gegenstand auszeichnete[2]. Vitt schrieb für zahlreiche regionale und überregionale Zeitungen sowie für nahezu alle bedeutenden deutschen Kunstzeitschriften; darüber hinaus auch für das in New York erscheinende Magazin Aufbau.

Die frühen Jahre seiner kunstkritischen Tätigkeit werden erst mit der vollständigen Erschließung seines Archivs umfassend zu würdigen sein. Zu den frühen Zeugnissen zählt ein Foto aus dem Jahr 1971, das ihn bei der Vernissage einer Ausstellung von Winfred Gaul in der Städtischen Galerie Nordhorn zeigt. Schon damals galt sein besonderes Interesse Künstlern der konstruktiv-konkreten Kunst. Seine wissenschaftliche Gründlichkeit zeigte sich früh, etwa in seinem Werkverzeichnis der Druckgrafik von Walter Dexel (1915–1971), das 1971 erschien und später erweitert wurde.

1975 veröffentlichte Vitt Studien über die Kölner Progressiven Heinrich Hoerle und Franz Wilhelm Seiwert. In diesem Zusammenhang begann seine langjährige Beschäftigung mit dem Dadaisten Johannes Theodor Baargeld (Alfred Ferdinand Gruenwald). Sein 1977 erschienenes Werk Auf der Suche nach der Biographie des Kölner Dadaisten Johannes Theodor Baargeld fand große Beachtung und zog weitere Forschungen sowie Publikationen nach sich. Es folgten unter anderem ein WDR-Fernsehfilm sowie mehrere Bücher, mit denen Vitt das lange kaum greifbare Leben Baargelds eindrucksvoll rekonstruierte.

1978 wurde Vitt Mitglied der deutschen Sektion der AICA (Association Internationale des Critiques d’Art) und gab seiner kunstkritischen Arbeit damit auch einen institutionellen Rahmen. Im selben Jahr wurde er in den WDR-Kunstausschuss entsandt. Es folgten Lehraufträge an mehreren Universitäten, darunter Münster, Bochum, Dortmund, Siegen und Mainz. Zudem engagierte er sich im Deutschen Journalistenverband.

Mit Publikationen wie Progetto d’arte Nr. 3 (1980) und Von strengen Gestaltern (1982) vertiefte er seine Auseinandersetzung mit der konstruktiv-konkreten Kunst. 1986 wurde er Sekretär, von 1989 bis 2008 Präsident der deutschen AICA-Sektion – mit der bislang längsten Amtszeit. In diese Zeit fiel unter anderem die anspruchsvolle Integration ostdeutscher Kunstkritiker nach der Wiedervereinigung sowie die Öffnung der AICA für die Herausforderungen des digitalen Zeitalters[3].

1989 wurde Vitt beim WDR stellvertretender Nachrichtenchef des Hörfunks. Gemeinsam mit seiner Frau Luiza baute er eine bedeutende Sammlung konkreter Kunst auf, die 1992 als Dauerleihgabe dem Museum für Konkrete Kunst in Ingolstadt übergeben wurde. Seit den späten 1980er Jahren entstanden zudem seine Bild- und Textcollagen, darunter die sogenannten „Sky lyrics“.

1993 begründete Vitt als Herausgeber die Reihe Schriften zur Kunstkritik[4], die bis heute ein wichtiges Forum für kunstkritische Positionen darstellt.

Zu seinem 60. Geburtstag erschien 1996 die Festschrift An Kunst glauben, von Kunst träumen. Nach seinem Ausscheiden aus dem WDR im Jahr 1998 widmete er sich verstärkt seinem kulturellen Engagement, unter anderem im Kunstbeirat der Stadt Köln. Für seine Verdienste erhielt er 1999 das Bundesverdienstkreuz am Bande sowie 2000 den Rudolf-Jahns-Preis.

Ein besonderes Zeichen seines Engagements ist das Bodendenkmal „Namen der Autoren“ vor der heutigen Technischen Hochschule Köln, das an die Bücherverbrennung vom 17. Mai 1933 erinnert. Auf Vitts Initiative hin werden dort seit 2001 in regelmäßigen Abständen Namen verfemter Autorinnen und Autoren in Stein gemeißelt.

Für seine kulturellen Verdienste wurde Vitt 2004 mit dem Rheinlandtaler ausgezeichnet. Auch nach seiner aktiven Zeit setzte er sich weiterhin für den Erhalt kulturellen Erbes ein, etwa im Protest gegen den geplanten Abriss der Kölner Oper.

Nach 19 Jahren an der Spitze der AICA übergab er 2008 den Vorsitz an Thomas Wulffen.

Fußnoten:
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Vitt
[2] Klaus Honnef: Walter Vitt zum Siebzigsten.
[3] Wie Anm. 2.
[4] www.aica.de/neue-publikationen/schriften-zur-kunstkritik/